Im OP

Vor dem OP habe ich Ehrfurcht. Es gelten besondere Regeln, oft herrscht ein rauher Umgangston; man muss penibel darauf achten, sich von sterilen Wägen mit Instrumenten entfernt zu halten, oder aber unsterile Orte meiden (sobald man steril ist). Beim Waschen haben die Hände höher zu sein als die Ellenbögen, damit kein Desinfektionsmittel von den unsterilen Oberarmen in Richtung Hände läuft; bevor der sterile Kittel angezogen ist, sind die Ellenbögen vom Körper entfernt und die Hände in Brusthöhe zu halten. Den Nasenschutz darf man sich mit sterilen Handschuhen nicht mehr zurecht ziehen (und sich auch nirgendwo im Gesicht jucken, was oft sehr unangenehm sein kann…), und falls etwas vom Tisch rutscht, sollte man es bloß nicht aufhalten (ab einer bestimmten Höhe wird der Sterilität des Kittels und Abdecktuchs nicht mehr getraut). Sobald man den Raum betritt, stellt man sich mit lauter Stimme vor und grüßt, sonst ist man schnell unten durch bei den OP-Assistenten, die Schüchternheit und Unsicherheit mit Arroganz verwechseln.

Ich bin schon fast Expertin

Heute fällt mir auf, wieviele dieser Regeln ich inzwischen schon verinnerlicht habe. Bei der ersten OP, der Reposition eines Leistenbruchs, durfte ich assistieren, und die nette Assistenzärztin, die mich diese Woche unter ihre Fittiche genommen hat, hat mich sogar die Hautnaht machen lassen! Jetzt, bei der zweiten OP, soll die Studentin aus dem 7. Semester mit an den OP-Tisch. Erst einmal hatte sie sich zuvor eingewaschen, und so ist sie sehr erleichtert, als ich mit ihr in den Waschraum gehe und ihr noch einmal erkläre, worauf sie achten muss.

Einen offenen Bauch vor sich zu haben, ist gewöhnungsbedürftig

Was für die Ärzte und OP-Pfleger Alltag ist, ist für Studenten durchaus nicht immer leicht zu verdauen: das erste Mal bei einer großen Operation zu assistieren, die lebenden Organe eines Patienten vor sich liegen zu haben und anzufassen, den glibschigen, warmen Darm festzuhalten und dabei seine Bewegungen zu spüren, oder sogar eine blutig spritzende Arterie zu sehen – das alles ist gewöhnungsbedürftig.  Natürlich, nach dem Präp-Kurs in der Vorklinik kennen wir die Anatomie eines Menschen, aber das Ganze bei einem lebenden Patienten vor sich zu haben, ist etwas anderes.

Darüber gesprochen wird selten. Ich mache es heute anders: „Und falls dir schwindelig wird oder so, sag einfach Bescheid, dann trittst du ab und kannst dich hinsetzen. Das ist mir letzte Woche auch passiert und alle waren total nett, das ist vollkommen ok. So lange du nicht am Tisch umkippst, nimmt dir das keiner übel.“ Die Studentin lächelt mich dankbar an. Auch ihr sei schon einmal schwindelig geworden, wir teilen also eine Schwäche – oder eher menschliche Züge? Jetzt geht sie los in den OP, und ich in die Ambulanz, denn zu viert (Oberärztin, Assistenzärztin + zwei Studentinnen) wird es zu eng am OP-Tisch.

Als ich sie am nächsten Morgen sehe frage ich, wie es lief. „Sehr gut“, strahlt sie. Sie konnte sogar etwas helfen, und keinerlei Schwindel sei aufgetreten. Wir lächeln uns an. Und folgen den Ärzten zur Visite. Nachher gehen wir wieder zusammen in den OP: Jeden Tag mit ein bisschen mehr Selbstverständlichkeit.

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